OpenStreetMap

Bericht aus dem OSMF-Advisory-Board

Posted by imagico on 10 March 2019 in German (Deutsch)

Diesen Bericht hatte ich eigentlich schon vor einem halben Jahr schreiben wollen - damals gab es jedoch noch nicht wirklich viel zu berichten, so dass ich mir auch noch gar nicht wirklich eine fundierte Meinung bilden konnte. Deshalb kommt er also erst jetzt als Bericht für das gesamte Jahr.

Ich bin seit letztem März Mitglied im sogenannten „Advisory Board“ der OpenStreetMap Foundation und vertrete dort den FOSSGIS in seiner Funktion als Organisation der deutschen OpenStreetMap-Gemeinde und „local chapter“ der OpenStreetMap Foundation. Diese Rolle hatte der FOSSGIS kurz vorher übernommen und ich wurde dann auf der Jahreshauptversammlung letztes Jahr für die Position vorgeschlagen und gewählt. Dieser Bericht soll deshalb auch ein bisschen als informeller Rechenschaftsbericht über meine Tätigkeit dienen.

Das Advisory Board ist ein recht merkwürdiges Konstrukt. Geschaffen wurde es ursprünglich im Rahmen einer Neuordnung der Firmen-Mitgliedschaften bei der OSMF, wo man den Käufern der teuersten Mitgliedschaften hierüber einen besonderen Anreiz bieten wollte. Diesem Gremium wurde dann nachträglich zusätzlich jeweils ein Vertreter der offiziell anerkannten local chapters zugeschlagen und jetzt besteht das Advisory Board etwa aus einer gleichen Anzahl von Firmenvertretern und Vertretern lokaler OpenStreetMap-Organisationen.

Das Advisory Board darf man sich jetzt nicht als ein irgendwie fest strukturiertes Gremium vorstellen mit Arbeitsregeln, regulären Treffen, Abstimmungen und offiziellen Verlautbarungen. Im Grunde ist es einfach nur eine Mailing-Liste - mit sehr geringem Volumen, seit ich dabei bin gab es insgesamt weniger als 100 Mails. Auf dieser Mailing-Liste sind neben den Mitgliedern des Advisory Board die OSMF-Vorstands-Mitglieder. Und was üblicherweise passiert ist, dass irgendjemand ein Thema vorbringt - entweder aus dem Vorstand um die Meinung des AB einzuholen oder aus dem AB selbst als Initiative. Die Mitglieder nehmen dann so weit sie das möchten dazu Stellung und der Vorstand verwendet diese Äußerungen nach eigenem Gutdünken.

Im Grunde war festgelegt, dass alle Kommunikation mit dem AB von Vorstand protokolliert wird (Zusammenfassung hier, Details in den einzelnen Vorstands-Protokollen). Es gibt jedoch aufgrund der skizzierten Arbeitsweise keine Trennung zwischen der internen AB-Kommunikation und den Ratschlägen, die das AB an den Vorstand richtet. De facto war es dann meist so, dass die Vorstandsprotokolle nur das genannt haben, was der Vorstand dann auch in seine Entscheidungen einfließen ließ - böse Zungen könnten auch behaupten, dass das protokolliert wurde, was man hören wollte. Ich habe deshalb im Januar mal angefangen, ein inoffizielles, detaillierteres Protokoll zu schreiben (vorgestellt hier) und die Protokolle des Vorstands zur Tätigkeit des AB wurden daraufhin auch detaillierter. Diese Verbesserung der Transparenz ist denke ich das wichtigste, was ich im vergangenen Jahr im Advisory Board erreichen konnte.

Ansonsten habe ich vor Allem versucht, Vorschläge und Ideen in der Diskussion kritisch zu beleuchten. Dies betraf insbesondere

  • die Entwicklung der Welcome Mat (gedacht als Einführung in OSM für Außenstehende, insbesondere für Vertreter aus Wirtschaft und Politik).
  • Die Pläne für ein Microgrants-Programm (Förderprogramm für Kleinprojekte).
  • Die Initiative von Firmen-Vertretern, dass die OSMF für Firmen beim Sponsoring von regionalen Veranstaltungen beim Transfer von Geldern als Mittelsmann fungiert (Entscheidung dazu hier).

Das Grundproblem bei allen diesen Diskussionen ist, dass durch die fehlende Öffentlichkeit bei der Diskussion eine große Gefahr darin besteht, dass man sich gegenseitig in einer einseitigen, unkritischen Sichtweise auf Dinge bestätigt, die aber wichtige Aspekte völlig ausblendet. Die Welcome Mat ist ein gutes Beispiel dafür, die wirklich wichtigen grundsätzlichen Fragen dazu wurden im Grunde erst angeschnitten, als das öffentlich vorgestellt wurde.

Dies bringt mich zum zweiten Teil, einer eher grundsätzlichen kritischen Auseinandersetzung mit dem Advisory Board und seiner Funktion. Die Legitimation von einem Berater-Gremium wie diesem kann denke ich nämlich nur darin liegen, dass es tatsächlich substantiell in der Lage ist, als Gesamt-Gremium wertvollen Rat zu bieten, der über dis Summe von dem, was seine einzelnen Mitglieder individuell äußern, hinaus geht. Dies tut das Advisory Board in seiner derzeitigen Form meiner Meinung nach im Moment nicht.

Bis jetzt gab es im AB so gut wie keine Initiativen zu eigenen Themen von Vertretern der local chapters. Warum auch? Eine lokale OSM-Gemeinschaft, welche ein Thema über das AB an den OSMF-Vorstand heranträgt würde dadurch seiner Position meist eher schaden, denn das AB repräsentiert ja neben den lokalen Gruppen auch Firmen-Interessen. Und in einem nicht öffentlichen Gremium fehlt natürlich auch die Unterstützung der lokalen Gemeinschaft die man repräsentiert. Diese hat wenn man das Thema öffentlich vorbringt in jedem Fall mehr Gewicht. Ich hab mehrmals während des letzten Jahres überlegt, ob es Themen gibt, die ich sinnvoll für den FOSSGIS im AB einbringen könnte und hab mich letztendlich immer aus den genannten Gründen dagegen entschieden. Auch bei Themen, die der OSMF-Vorstand an das AB heran trägt, findet ein umfassender Diskurs unter der Beteiligung vieler Mitglieder kaum statt. Mein oben verlinktes detaillierteres Protokoll gibt vielleicht einen gewissen Einblick in den typischen Ablauf von solchen Diskussionen. Ich kann natürlich nichts darüber sagen, ob außerhalb der AB-Mailingliste zu solchen Themen dann noch Kommunikation zwischen Vorstand und AB-Mitgliedern stattfindet. Aber das ist dann natürlich im Grunde nicht mehr Bestandteil der Tätigkeit des Gremiums insgesamt.

Die Funktion, die das AB derzeit in gewissem Maße hat und die einige im OSMF-Vorstand und im AB gerne ausbauen möchten ist die einer gewissen Ersatz-Öffentlichkeit. Die generell im OpenStreetMap-Projekt verbreitete Kultur der offenen und öffentlichen Diskussion und Entscheidungsfindung ist etwas, wofür Leute aus anderen Organisations-Kulturen teilweise schwer zu erwärmen sind und ein Gremium wie das Advisory Board scheint da manchen attraktiv als ersatzweiser, nicht öffentlicher Kommunikationspartner anstatt der OSMF-Mitgliedschaft oder der OSM-Community generell. Den richtigen Umgang mit solchen Tendenzen, Diskurs und Entscheidungsprozesses in der OSMF aus dem öffentlichen Raum in exklusive, nicht öffentliche Kreise zu verlagern, empfinde ich als eine schwierige Herausforderung. Auf der einen Seite tendiere ich dazu, solchen Bemühungen in dieser Form recht kategorisch entgegenzutreten (zum Beispiel hier und hier), auf der anderen Seite zeigt die Existenz solcher Bedürfnisse in OSMF-Vorstand und AB, dass man sie nicht einfach ignorieren kann.

Ich bin auch der Meinung, dass in der OSMF regelmäßig ein erheblicher Bedarf an sachlicher Kompetenz, Erfahrung und verschiedenen Perspektiven auf diversen Themengebieten besteht - jeder, der mal bei OSMF-Vorstands-Treffen dabei ist wird das vermutlich erkennen. Einen Rahmen zu schaffen, in dem fähige Leute gemeinsam Analysen und Empfehlungen zu aktuellen Themen der OSMF entwickeln können und in dem solche Ratschläge dann auch genügend Gewicht entfalten, um gehört zu werden, wäre durchaus erstebenswert. Ein Gremium zu diesem Zweck sollte jedoch meiner Meinung nach auf jeden Fall

  • öffentlich und völlig transparent arbeiten,
  • in seiner Zusammensetzung den inhaltlichen Notwendigkeiten entsprechen (sachliche Kompetenz und Erfahrung sowie die Fähigkeit, diese produktiv in einem solchen Rahmen einzubringen) und
  • demokratisch legitimiert und gegenüber der OSM-Community rechenschaftspflichtig sein.

Das derzeit im Grunde rein nach politischen und wirtschaftlichen Kriterien zusammengestellte Advisory Board wird meiner Meinung nach keiner dieser Anforderungen gerecht.

Da das Advisory Board aber zumindest im Moment in dieser Form weiter existiert, kann ich, wenn von den FOSSGIS-Mitgliedern gewünscht, in diesem Jahr gerne weiter für den Verein dort präsent sein. Für viel wichtiger hielte ich aber im Grunde, dass sich mehr FOSSGIS-Mitglieder und OSM-Aktive aus Deutschland in der OSMF engagieren, etwa

  • durch Teilnahme an Diskussionen auf der osmf-talk Mailing-Liste
  • durch Teilnahme und Fragen Stellen auf OSMF-Vorstands-Treffen
  • durch Engagement in OSMF-Arbeitsgruppen - dies kann man übrigens auch, wenn man nicht OSMF-Mitglied ist
  • indem man OSMF-Mitglied wird und dadurch eine Stimme bei wichtigen Entscheidungen und Vorstands-Wahlen bekommt.

Der Einfluss, den ihr hierdurch auf die Entscheidungen und die Arbeit der OSMF ausüben könnt ist deutlich größer als der, den wir über einen Sitz im Advisory Board haben.

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