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Weißenegger Mühlgang

Posted by Robhubi on 31 August 2020 in German (Deutsch)

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Der Weißenegger Mühlgang. ursprünglich ein Nebenarm der Mur, treibt seit mehr als 500 Jahren mehrere Mühlen und heute auch Elektrizitätswerke an. Seit Jahrhunderten heißt der Wasserlauf Weißenegger Mühlgang (Abb 1), in OSM wird er jedoch Weissenegger Mühlkanal genannt. Woher kommt das?

Abb 1: Weißenegger Mühlgang in einer Karte von 1757 (li) und in OpenStreetMap (re, Schriftzug “Weissenegger Mühlkanal” vergrößert). Quellen: Mapillary; OpenStreetMap-Mitwirkende Karte von 1757

Die Frage stellt sich, da Mühlgang und Mühlkanal nicht einfach Synonyme sind. In Südösterreich ist ein Mühlgang ein ursprünglich natürlicher, nunmehr meist regulierter Wasserlauf. Kanal hingegen ist ein vollständig künstliches Wasserbauwerk. Mühlkanal klingt befremdlich und ist hier unüblich.


Status OSM

In OSM [1] weist die Chronik das Erstelldatum des Weissenegger Mühlkanals mit 20.09.2011 aus. Als Quelle ist “plan.at 2009” angegeben. Der Name ist seit damals unverändert geblieben. Er ist über die gesamte Länge, bis zur Einmündung in die Stiefing, als waterway=canal getaggt. Das ist weitgehend unrichtig, nur der im Zuge des Kraftwerksbaues Mellach neu errichteter Einfang könnte auf einer Strecke von 690 m als Kanal bezeichnet werden. Der große Rest ist überwiegend natürlichen Ursprunges und wäre mit waterway=river passender getaggt.


Status vor Ort

Eine Anfrage [2] bei der Gemeinde Wildon nach der ortsüblichen Bezeichnung des Wasserlaufes wurde mit “Weißenegger Mühlgang” beantwortet. Die Bezeichnung Mühlkanal ist nicht geläufig.

Eine Infotafel bei Wildon benennt den Wasserlauf ebenfalls mit Weißenenegger Mühlgang (Quelle: Mapillary): Info Tafel


Status offizielle Karten

In der Verwaltungsgrundkarte Österreichs basemap.at wird das Gewässer Weissenegger Mühlkanal genannt. Ebenso in der Digitalen Gewässerkartei Steiermark [3].

Offensichtlich folgt OSM hier der offiziellen Linie und und ignoriert die ortsübliche Bezeichnung. Zu dem Zeitpunkt war ich mir unsicher, wer in OSM mehr Gewicht zukommen soll: Verwaltung oder Ortsansässige. Oder ist der Verwaltung ein Fehler unterlaufen? Hmm - also weiter recherchieren.


Regionale Häufigkeit Mühlgang und Mühlkanal

Mit einer Overpass Query kann sehr einfach die Häufigkeit von geographischen Namen ermittelt werden. Die Abfrage auf Mühlgang bzw. Mühlkanal ergibt folgende Verteilung:

Tab 1: Geographische Verteilung der Namen “Mühlgang” und “Mühlkanal” in der Steiermark, Österreich und Deutschland (nwr = Anzahl Nodes / Anzahl Ways / Anzahl Relations) . Quellen: Overpass Turbo; OpenStreetMap-Mitwirkende

  Mühlgang Mühlkanal
Steiermark WMG02_St_Mg nwr= 4057/366/5 WMG03_St_Mk nwr= 406/14/0
Österreich WMG04_At_Mg nwr= 4136/378/5 WMG05_At_Mk nwr= 483/24/0
Deutschland WMG06_De_Mg nwr= 11/1/0 WMG07_De_Mk nwr= 5884/708/5
Schweiz nwr= 0/0/0 nwr= 0/0/0


Von wenigen Ausnahmen abgesehen: die Bezeichnungen “Mühlgang” gibt es nur in Südösterreich und “Mühlkanal” nur in Süddeutschland.


Zeitleiste Häufigkeit Mühlgang und Mühlkanal

ANNO [4] ist das historische Archiv der österreichischen Nationalbibliothek. Es können mehrere Millionen Zeitungsseiten, aus dem Zeitraum 1689-1949 online gelesen und durchsucht werden. Die Abfrage ist denkbar einfach, die Ergebnisse schwanken jedoch ein wenig bei Wiederholung der Abfrage. Das Lesen der Fraktur-Schrift scheint nicht immer dasselbe Ergebnis zu liefern [5]. Für die prinzipielle Aussage ist das jedoch ohne Bedeutung.

Abb1: Anzahl der Nennungen “Mühlgang” bzw. “Mühlkanal” in historischen Zeitungen und Zeitschriften der Österr. Nationalbibliothek ab 1775 (Quellen: Daten von ANNO/Österreichische Nationalbibliothek, eigene Darstellung) WMG08_zeitVerl


Mühlgang wird im ANNO-Archiv zum ersten Mal 1788 in der Wiener Zeitung erwähnt. Erst 37 Jahre später wird Mühlkanal im Feldkircher Wochenblatt vom 23. August 1829, zum ersten Mal erwähnt. Ein deutlicher Hinweis für den deutschen Ursprung.

Auffällig ist die Häufung in den Jahren 1900-1924, mit einem absoluten Maximum im Jahre 1913. Der Mühlgang wird häufig im Kontext von suizidalen Vorfällen erwähnt. Hier spiegelt sich der Zusammenbruch der Welt. Meldung des Grazer Tagblatts, Di, 9. September 1913:

Heute vor 7 Uhr früh sprang das 15 Jahre alte Schneiderlehrmädchen Marie Rezabek in der Mühlgasse in den Mühlgang. Es gelang dem Geschäftsdiener Josef Feichter, sie zu retten …

Das in Abb 1 dargestellte Verhältnis Mühlgang zu Mühlkanal blieb in Österreich über die Jahrhunderte ziemlich konstant. Üblich war immer die Bezeichnung Mühlgang.


Historische Grundbücher

Grundbücher sind ein chronologisches Verzeichnis von Besitzer, Rechten, Pflichten und topografischen Lagen von Grundstücken. Im steirischen Landesarchiv können diese eingesehen werden. Dem Weißenegger Mühlgang ist zumeist die Einlagezahl 50001 zugeordnet. Diese Nummer führt ins Leere, sie besagt, dass es sich um ein öffentliches Gut handelt und keine weitere Information existiert.


Katasterpläne

Das Katasterarchiv der BEV - Bundesanstalt für Eich- und Vermessungswesen - dokumentiert seit 1880 jede Veränderung im Kataster. Der Maßstabsbereich von 1:250 bis 1:5000 ist genau genug, um die Gewässernamen zu finden. Beispiele:

K.G. Mellach, G.Z. 9729 vom 10. Aug. 1981, Dipl. Ing. A. Legat: “Weißenegger Mühlkanal” K.G. Mellach, G.Z. 11080 vom 10. Nov. 1983, Dipl. Ing. A. Legat: “Mühlgang”

Die Gewässernamen sind offenbar in den Katasterplänen nicht stabil. Ein Mitarbeiter der BEV [6] kommentierte diese Variabilität mit den Worten:

Gewässernamen sind nicht verbindlich, nur informativ. Vergleichbar mit Vulgo-Namen und Ried-Bezeichnungen.


Österreichische Karte 1:50000

Die ÖK50 und die Vergrößerung ÖK25V ist das topographische Grundkartenwerk Österreichs. Die historischen Ausgaben wären für die Veränderungen der Namen eine großartige Quelle. Leider ist nur die aktuelle Ausgabe online verfügbar. Daher habe ich eine offizielle Anfrage an die BEV gerichtet: “Wann und warum der “Weißenegger Mühlgang” in den “Weissenegger Mühlkanal” umbenannt wurde. Antwort [7]:

Der „Weißenegger Mühlkanal“ (bzw. Mühlgang) wurde ab der 3. Landesaufnahme (um 1870, 1:25 000 Präzisionsaufnahme der k.u.k. Monarchie) an dieser Stelle nicht beschriftet, später in der Spezialkarte 1:75 000 bzw. provisorischen Ausgabe 1:50 000 auch nicht, erst ab der Photogrammetrischen Neuaufnahme nach dem 2. WK (ÖK50 BMN) wieder beschriftet, dann allerdings eben immer als „Mühlkanal“.

Also wurde hier „Mühlgang“ vor 1870 verwendet. Allerdings wurde und wird und wurde die schöne Bezeichnung „Mühlgang“ an anderen steirischen Gewässern noch immer verwendet, sowohl früher in der 3. LA als auch heute im KM50 (z.B. südöstlich von Lebring..) Es stimmt, dass das KM50 hier nicht ganz konsistent ist.

Im Allgemeinen wurden die Namen einerseits vom Topographen vor Ort erhoben, gelegentlich auch von einer Nomenklaturkommision geprüft.

Wir werden ihre Anregung zum Anlass nehmen, ihren Hinweis an die Abt. Landschaftsinformation weiterzuleiten zur Prüfung und möglichen Änderung in KM50.


Weitere Mühlkanäle

Fernitzer Mühlkanal

Der Fernitzer Mühlgang ist historisch gut belegt, in ANNO sind 15 Erwähnungen, im Zeitraum von 1889 bis 1929, abfragbar. Zum Fernitzer Mühlkanal gibt es in ANNO genau 0 Treffer. In der ÖK50-Karte der BEV, Blatt 190/2 Stand 1950/53, heißt das Gewässer noch Mühlkanal:

Abb2: Fernitzer Mühlgang in ÖK50 von 1953 (li) und Fernitzer Mühlkanal in aktueller Gewässerkarte. Quellen: (C) BEV 2020 (li) und (c) GIS-Steiermark (re) WMG09_FernMg

Ortüblich ist die Bezeichnung Mühlgang.


Gössendorfer Mühlkanal

Über den Gössendorfer Mühlgang ist nur wenig historisches Material zu finden. So liefert ANNO für den Gössendorfer Mühlgang nur 1 Treffer und für Gössendorfer Mühlkanal genau 0 Treffer. Eine hervorragende Quelle mit vielen Detailinformationen ist [8]. Auf Seite 36 ist u.a. der Verlauf des Gössendorfer Mühlganges dargestellt.

Ortüblich ist die Bezeichnung Mühlgang.


Mühlkanal bei Laufnitzdorf

Der Bau wurde 1929 begonnen und 1932 fertiggestellt. Die Bezeichnung “Kanal” ist hier korrekt, da es sich um ein vollständig künstliches Wasserbauwerk handelt. Der Oberwasserkanal führt das Triebwasser für das Verbund-Kraftwerk Laufnitzdorf.

Die Benennung Mühlkanal ist skurril, da es ja explizit für ein Kraftwerk gebaut wurde und nie eine Mühle versorgte.


Zusammenfassung

Benennungen mit Mühlgang sind seit mehr als 600 Jahren in Südösterreich gebräuchlich. Auch heute noch ist diese Bezeichnung im täglichen Wortschatz zu finden. Es ist nicht nachvollziehbar warum die BEV in Einzelfällen eine Umbenennung in Mühlkanal vorgenommen hat.

Viele Gewässer haben in Österreich gar keinen Namen. Wenn sie einen Namen haben, scheint der offizielle Prozess der Namenserhebung wenig kontrolliert zu sein. Varianten in der Benennung können vorkommen und haben keine besondere Konsequenzen, da die Namen - ähnlich wie Vulgonamen - nur informativen Charakter haben.

Damit neigt sich die Waagschale, eine ortsübliche Bezeichnung, die über Jahrhunderte konstant in Gebrauch ist, hat für mich mehr Gewicht, als eine aktuelle amtliche Bezeichnung, die zur Variabilität neigt.

Ich werde in OSM die Mühlkanäle bei Weißenegg, Gössendorf und Fernitz in Mühlgänge rückbenennen.


Referenzen

[1] https://www.openstreetmap.org/way/130669739/history
[2] Mail vom 19. Juni 2020 *@wildon.gv.at, Betreff: “Wildon, Weißenegger Mühlgang ist richtig”
[3] Digitaler Atlas Steiermark Gewässer & Wasserinformation: https://www.landesentwicklung.steiermark.at/cms/ziel/141979637/DE/
[4] ANNO - AustriaN Newspapers Online, http://anno.onb.ac.at/
[5] Persönliche Mitteilung von Ingo Mirsch, per Mail am 23. Juni 2020
[6] Mündliche Mitteilung vom Kundenservice der BEV Graz, 02. Juli 2020
[7] Mitteilung TSK-00075080 vom BEV Kundenservice per Mail am 07. Juli 2020
[8] Bodner Werna, Galli Johanna: Zeichen setzen - Von der Mühle zur Werkstatt, Diplomarbeit TU-Graz (2014), https://diglib.tugraz.at/zeichen-setzen-2014

Location: Neudorf ob Wildon, Bezirk Leibnitz, Steiermark, 8410, Österreich

Comment from tordans on 1 September 2020 at 18:25

Tolle Recherche, danke fürs teilen. Interessehalber: das klingt für mich nach einem guten Fall für alt_name=…kanal (um den alternativen Namen auch zu dokumentieren), oder?

Comment from Robhubi on 1 September 2020 at 20:22

Danke. Ja, alt_name=…kanal ist eine gute Möglichkeit den anderen Namen zu dokumentieren. official_name=…kanal ist hier vielleicht noch eine Spur zutreffender.

Comment from WSHerx on 3 September 2020 at 17:01

Beeindruckend gründliche Arbeit und überzeugende Argumentation, ebenfalls danke fürs Teilen!

Comment from thopf on 18 September 2020 at 14:05

Sehr gut aufbereitet! Danke fürs Teilen!

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