OpenStreetMap

Über den neuen Stadtplan von Itapetinga-BA (Brasilien)

Posted by leodobrasil on 30 October 2013 in German (Deutsch)

Eigentlich ist es nichts besonderes, hier im Openstreetmap-Blog über die Kartierung einer Stadt zu schreiben. Dennoch möchte ich meinen deutschsprachigen kartenverwöhnten Lesern kurz die Pionierarbeit hier auf dem "flachen Land" im Landesinneren des Bundesstaates Bahia (Brasilien) vorstellen und wie dort die Openstreetmap-Idee auf einfachste Weise bekannt gemacht wird.

Der von mir gegründete und unterhaltene Blog "Novo Mapa de Itapetinga-BA" (übers. Der neue Stadtplan von Itapetinga-BA) bietet seinen portugiesischsprachigen Nutzern, die OSM noch nicht kennen, in erster Linie einen direkten Kartenzugriff auf das Stadtgebiet von Itapetinga im OSM (mehr als 99% der Kartierungen sind von mir). Wie das auf das Stadtwappen fokussierende OSM-Symbol nahelegt, stellt die Seite darüber hinaus einige wichtige und lokal interessante Anwendungen vor, die alle auf der Openstreetmap-Idee basieren:

  • Download von offline verwendbaren Karten: hochaufgelöste Kartenausschnitte des Stadtzentrums, gerenderte Wand- und Buchpläne mit Straßenverzeichnis als PDF sowie regionale elektronische Ausschnitte aus der OSM-Karte zur Navigation in Garmin-Geräten und Android-Smartphones (App OsmAnd)
  • Vorstellung des Wheelmap-Projekts für den Ausschnitt Itapetinga
  • Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Installation der App OsmAnd auf einem Android-Smartphone inklusive der portugiesischen Kommandos zur sprachgeführten Navigation in Itapetinga und Region sowie Angebot eines regionalen "ready to use" Kartenausschnitts
  • OSM-basierte Web-Routenplaner und Meßwerkzeuge, voreingestellt für die Region
  • Liniennetz des ÖPNV in Itapetinga mittels der in OSM gemappten Linien-Relationen und weiterer Informationen über Fahrpreise und Fahrpläne, die erste und bis heute (!!!) einzige Darstellung dieser Lokalinformationen im Internet
  • Pepinogramm (übersetzt: Gurkogramm, in Anlehnung an die landläufige Umschreibung von "Problem" mittels Gurke (port. pepino)): eine von mir eingerichtete Seite auf der Ushahidi-Plattform, wo Einwohner Probleme anprangern können, wie z.B. Müllablagerungen, Lärm, Verschwendung von Steuergeldern etc.
  • Nachrichten: Neuigkeiten, die den Blog selbst betreffen, wie z.B. das neue Symbol, Neuigkeiten zur Karten- und Satellitenbildverfügbarkeit in der Region oder andere raumbezogene regionale Neuigkeiten, die gut auf der OSM-Karte dargestellt oder verstanden werden können
  • Eine kurze Erläuterung über die Seite, über das OSM-Projekt, Kartierung und Autoren.

Gehostet wird das ganze auf Blogger.com (vielen Dank also an Google!), die einzigen Kosten, die anfallen, ist die Jahresgebühr für die Domäne in Höhe von umgerechnet etwa 10 Euro.

Wie ich bereits am Anfang schrieb, erscheint die Idee einer regionalen Dienst-Zusammenstellung in Webseitenform eigentlich banal und trivial, ist sie aber zumindest im brasilianischen Kontext gar nicht. OpenStreetMap wird in Brasilien (noch) ziemlich ignoriert und "muss" daher noch viel bekannter gemacht werden, zumal es auch ein rein brasilianisches Crowdmapping-Projekt gibt, das noch älter ist als OSM ("Tracksource", wendet sich ausschließlich an mobile Offline-Nutzer). Ich habe ziemlich viel gegoogelt um festzustellen, ob es noch weitere mit meinem Blog vergleichbare Seiten auf portugiesisch gibt, die ebenso den OSM-Kartenauschitt und weitere "OSM-Spin-offs" für eine Stadt oder Region vorstellen. Ergebnis: Fehlanzeige.

Die Zusammenfassung des Projekts auf einer Seite bietet mir z.B. den Vorteil zu wissen, wie viele tägliche Zugriffe es in etwa auf den von mir gemappten Kartenauschnitt gibt. Zumindest von denjenigen Benutzern, die nicht gleich direkt im OpenStreetmap nach Itapetinga suchen, sondern zunächst allgemein nach (aktualisierten) Karten o.ä. von Itapetinga suchen und über diese Suchanfrage auf meine Seite kommen. Als angenehmer Nebeneffekt wird natürlich auch das OSM-Projekt bekannter gemacht.

Entstehungsgeschichte:

Als wir im Mai 2010 nach Itapetinga (ca. 70.000 Einwohner) umzogen, gab es von unserer Stadt im Internet lediglich völlig veraltete und nicht georeferenzierte Stadtpläne mit ungebräuchlichen Straßennamen, deren Fehler größtenteils bis heute fortbestehen. Die in Brasilien vermarkteten Navigationsgeräte benutzten alle diese unsägliche Kartengrundlage und schieden ebenfalls als Orientierungshilfe aus. Auf OSM noch ein "Weißer Fleck". Nicht einmal feiner als 2 m aufgelöste Satellitenbilder waren anfangs irgendwo im Netz verfügbar. Ich konnte mit viel Glück einen 2007 einfarbig gedruckten, nicht käuflich erwerblichen Stadtplan auftreiben, der jedoch bezüglich der Richtigkeit der verwendeten Straßennamen nicht viel besser als die im Netz verfügbaren Karten war, geschweige denn ein Straßenverzeichnis aufwies.

"Hast Du keinen, mach Dir einen" war also das Gebot der Stunde. Vom OpenStreetMap-Projekt wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nichts und begann zunächst mittels CorelDraw einen Plan zum privaten Gebrauch von einem inzwischen auf GoogleEarth verfügbaren hochauflösenden panchromatischen Satellitenbild abzuzeichnen. Jedoch brachte mich dies nicht besonders weiter, da ich insbesondere auch nach einer Möglichkeit für mein Garmin Colorado 300 suchte, eine elektronische Offline-Karte der Stadt zu erstellen, und das Google-Luftbild Copyright-Probleme mit sich bringt. Auf der Suche nach einer Lösung stieß ich dann auf OSM und begann, die ganze Stadt mittels GPS zu mappen, da für die Stadt bis Anfang 2013 auf Bing keine brauchbaren Satellitenbilder (außer dem niedrig aufgelösten Landsat) verfügbar waren. Im April 2011 ging www.mapaitapetinga.com.br online. In 2,5 Jahren haben bisher ca. 20.000 Pageviews stattgefunden. In den letzten Monaten haben sich die täglichen Zugriffszahlen auf etwa 33 (1000 monatlich) eingepegelt. Schon heute stellt die Kartierung von Itapetinga auf OSM eine regionale Insel von bisher ungekanntem Detailreichtum dar (auch wenn vieles noch fehlt), den ich in den kommenden Jahren mit Hilfe von Projekten der regionalen Universität UESB ausbauen werde.

Location: Centro, Itapetinga, BA, Brasilien

Comment from malenki on 2 November 2013 at 04:09

Interessanter Artikel.
Er zeigt die Vor- und Nachteile, die man beim Mappen eines weißen Flecks hat:
* Man kann alles selbst machen
* Man muss alles selbst machen
:)
Es ist ja schön, auf der Karte zu sehen, wie die eigenen Beiträge auftauchen - aber nach einiger Zeit wünscht man sich schon Mitstreiter...

Weiterhin viel Spaß beim Kartieren!

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Comment from leodobrasil on 2 November 2013 at 22:26

Vielen Dank malenki für den Kommentar,

das mit den Mitstreitern ist sehr genau beobachtet. Ich bin nicht ganz allein, immerhin trägt noch ein alteingesessener Vermessungstechniker (user mhfernandes) manchmal mit nützlichen POIs bei. Aber die Verbreiterung der Basis ist wirklich mein Hauptanliegen, allerdings muss man hier etwas weiter unten anfangen, größtenteils ist schon das Lesen und Verstehen von Karten bei vielen hier schon ein Problem. Ausser den genannten Vermessern beschäftigen sich nur wenige ernsthaft mit Karten, reklamieren (wenn überhaupt) maximal dass das Navi in Itapetinga nicht funktioniert oder veraltet ist. Bin dabei, in meiner Uni einen Komplex von Kursen für die breitere Bevölkerung, etwa auf vergleichbar Volkshochschul-Niveau zusammenzustellen, angefangen vom Lernen des Kartenlesens bis zu OSM-Mapping auf Fortgeschrittenen-Niveau. Mal sehen wenn es soweit ist dass man damit auf Sendung gehen kann.

Alles Gute ins Erzgebirge, Leonhard

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Comment from Koyaani on 12 November 2013 at 15:22

Freut mich ja, dass doch noch jemand Gefallen an meiner Übersetzung der Wheelmap gefunden hat. Die Kollegen der brasilianischen Mailing-Liste konnten mit dem Projekt absolut gar nichts anfangen. Und die lokalen NGOs für Rolli-Fahrer, die ich so angeschrieben habe, wissen offene Daten auch nicht zu schätzen, sodass ich neue Vokabeln nur unregelmäßig übersetze.

Einen bescheidenen Uni-Kurs habe ich vor ein paar Wochen an der UFSC angeboten (wo ein paar Kollegen durchaus ein gewisses Interesse am System haben). Immerhin konnte ich einen der Teilnehmer als Freiwilligen gewinnen, aber trotz explizit breiter Zielgruppe kamen fast nur Studenten.

Martin

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Comment from leodobrasil on 13 November 2013 at 00:53

Hallo Martin, das sind ja leider eher enttäuschende Erfahrungen.

Es kommt halt nicht alles von heute auf morgen, auch nicht das Interesse der brasilianischen User, wo auf Karten denn nun rollstuhlgerechte Einrichtungen zu finden sind. Insbesondere wenn man aufgrund vielerorts fehlender Gesetzgebung und bisher fehlendes öffentliches und privates Interesse an behindertengerechter Gestaltung des öffentlichen Raumes (insbesondere Plätze, Wege und Bürgersteige) als Rollstuhlfahrer gar nicht allein an die gekennzeichneten Objekte herankommt. Da machen bisher leider die Markierungen auf OSM und Wheelmap den Kohl auch nicht fett.

Aber die Emanzipierung auch der Behinderten geht dennoch voran, und Deine Übersetzungen sind Gold wert. Als sie vor ein paar Tagen mal als einzige Sprache nicht funktionierte, habe ich gleich bei Wheelmap nachgehakt damit es wieder auf portugiesisch läuft. Eines Tages wird sich das Projekt, der Sinn von OpenData herumgesprochen haben, und bis es dahin kommt, versuch ich auch mein bestes um das alles bekannter zu machen. Grüße, Leonhard

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